Portrait des ellexx Kolumnisten Markus Theunert
Illustration: Simone Züger

Warum finden so viele Männer Gewalt ok?

Unser Autor beantwortet Fragen rund um Mannsein und Männlichkeit. Diesmal geht es um die Frage, warum Gewalt unter Männern oft akzeptiert, verharmlost oder sogar als selbstverständlich angesehen wird.
Markus Theunert

Macht und Misogynie, Geld und Gier, Patriarchat und Privilegien: Wer die Antwort nicht scheut, darf unseren Kolumnisten alles fragen. Markus Theunert teilt, was er in 25 Jahren Beschäftigung mit Männern und Männlichkeit gelernt hat.

Heute mit der Frage von Céline (29): «Warum finden so viele Männer Gewalt ok?»

Liebe Céline 

Aus aktuellem Anlass nehme ich deine Frage gern auf. Denn kurz vor den Sommerferien hat die Universität Zürich gemeinsam mit männer.ch Daten einer repräsentativen Befragung der Schweizer Bevölkerung veröffentlicht, die aufhorchen lassen: 

  • 48 Prozent der jungen Männer (18 bis 24 Jahre alt) in der Schweiz sagen, Gewalt sei manchmal notwendig. Unter den älteren Männern (25 bis 64 Jahre) ist dieser Anteil mit 25 Prozent nur halb so gross. 
  • 78 Prozent der jungen Männer in der Schweiz glauben, ein Mann sollte bereit sein, Frau und Kinder auch mit Gewalt zu verteidigen. Unter den älteren Männern sind es 68 Prozent (während von den Frauen je rund halb so viele dieser Aussage zustimmen). 
  • 25 Prozent der jungen Männer in der Schweiz finden, eine Frau müsse ihrem Mann als Oberhaupt der Familie gehorchen. Unter den älteren Männern sind es 15 Prozent (während von den Frauen nur je rund ein Drittel so viele dieser Aussage zustimmen). 

Die Zahlen ergeben ein aussagekräftiges Bild mit klaren Stossrichtungen, die sich in verschiedenen anderen Untersuchungen bestätigen:

  1. 1
    Männer unterstützen gewaltbegünstigende Männlichkeitsnormen und Vorstellungen männlicher Dominanz hochsignifikant häufiger als Frauen.
  2. 2
    Gewaltbegünstigende Männlichkeitsnormen und Vorstellungen männlicher Dominanz erfahren in der jüngeren Männergeneration massiv Aufwind. 
  3. 3
    Der Geschlechtergraben in der jüngeren Generation wächst: Die gut ausgebildeten und wirtschaftlich eigenständigen jungen Frauen von heute fordern Egalität, während ein grosser Teil der gleichaltrigen Geschlechtsgenossen geschlechterpolitisch den Rückwärtsgang einlegt. 
Markus Theunert
«Gewaltbegünstigende Männlichkeitsnormen und Vorstellungen männlicher Dominanz erfahren in der jüngeren Männergeneration massiv Aufwind.»

Was passiert da? Wie lassen sich diese Trends zeitdiagnostisch einordnen? 

Das sind natürlich komplexe und vielschichtige Fragen. Ich kann sie an dieser Stelle nicht abschliessend beantworten. Aber ich möchte den zentralen Mechanismus herausarbeiten. 

Jungen und männliche Jugendliche wachsen heute in eine schwierige Übergangsphase hinein. Gleichstellung ist noch nicht verwirklicht, aber schon weit fortgeschritten. Ihre Angst, später keine privilegierte gesellschaftliche Position mehr einnehmen zu können, nur weil sie Männer sind, ist berechtigt. Denn dass nicht das Geschlecht, sondern Talent, Neigung und Leistung über Erfolg und Status entscheiden, ist das Ziel der Gleichstellungsarbeit und verfassungsrechtlich verankerter Konsens. 

Das Problem besteht darin, dass Jungen heute mangels vertiefter gesellschaftlicher Männlichkeitsreflexion weiterhin im Irrglauben aufwachsen, allein aufgrund ihres Mannseins Anrecht auf ein grösseres Stück vom Kuchen zu haben – und beleidigt sein zu dürfen, wenn sie bei der Kuchenverteilung nicht privilegiert werden. Sie finden sich dank der realen gleichstellungspolitischen Fortschritte in einer Welt wieder, in der es für viele unerreichbar scheint, eine Lehrstelle oder eine Freundin zu finden. Zwischen unbewusstem Privilegien-Anspruch und realer Teilhabe wuchert das Gefühl, zu Unrecht und entgegen den Gesetzen der Natur zu kurz zu kommen. Das ist für «richtige Männer» eine existenzielle Kränkung und Bedrohung zugleich. Logisch sind sie empfänglich für Botschaften aus der Manosphere und Fantasien patriarchaler Dominanz. 

Markus Theunert
«Zwischen unbewusstem Privilegien-Anspruch und realer Teilhabe wuchert das Gefühl, zu Unrecht und entgegen den Gesetzen der Natur zu kurz zu kommen.»

Diese Entwicklungen müssen wir uns als Gesellschaft auch selber zuschreiben. Denn es gibt keine Instanz, die Jungen während ihres Heranwachsens behutsam die Einsicht vermittelt, dass sie einer Illusion aufsitzen, wenn sie an das patriarchale Versprechen glauben. Weil sie ihre unbewusste «androzentrische Anspruchshaltung*» selber nicht sehen (und von den gesellschaftlichen Institutionen dabei nicht unterstützt werden), suchen die enttäuschten jungen Männer die Schuld am falschen Ort. Aus ihrer Sicht sind nicht ihre patriarchale Prägung und ihre falsche Vorstellung einer «naturgegebenen» männlichen Überlegenheit die Wurzel des Problems. Sondern der Feminismus, die weibliche Emanzipation und die Gleichstellung, welche die Welt auf den Kopf gestellt haben. Auf sie richtet sich ihre Wut. Deshalb nimmt die Gewalt gegen Frauen zu, je mehr Gleichstellungsfortschritte erzielt werden. Die deutsche Autorin Susanne Kaiser nennt dies das «feministische Paradox».

Markus Theunert
«Diese Männer brauchen eine gezielte Ansprache, die ihre unbewussten patriarchalen Prägungen aufdeckt und ihnen Perspektiven aufzeigt, wie sie sich als Männer gewaltfrei entwickeln können.»

In dieser Grunddynamik erleben wir heute, wie patriarchale Gewalt und männlichkeitsideologische Radikalisierung befeuert und – zumindest teilweise ganz gezielt – verstärkt werden. Gut gemeinte Appelle zur Gewaltfreiheit an diese Zielgruppe sind wirkungslos. Diese Männer brauchen eine gezielte Ansprache, die ihre unbewussten patriarchalen Prägungen aufdeckt und ihnen Perspektiven aufzeigt, wie sie sich als Männer gewaltfrei entwickeln und behaupten können. Deshalb können wir patriarchale Gewalt nur stoppen, wenn wir mit Jungen und Männern an der Überwindung patriarchaler Männlichkeitsvorstellungen arbeiten, die in unserer Gesellschaft noch immer unbewusst wirkmächtig sind. 

*Der Begriff «Androzentrismus» verweist auf eine Weltsicht, in der die männliche Perspektive die selbstverständliche Norm darstellt.

Markus Theunert ist fachlicher Leiter von männer.ch, dem Dachverband progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Kontakt: theunert@maenner.ch.

Diese Kolumne verfolgt – auf Einladung der ellexx Redaktion – das Anliegen, einen patriarchatskritischen Blick auf Geschlechter-, Geld- und Gesellschaftsfragen beizusteuern. Unserem Kolumnisten ist es wichtig, seine Unsicherheit transparent zu machen, wo die Bereicherung durch eine reflektierte Männerperspektive aufhört – und wo das «Mansplaining für Fortgeschrittene» beginnt.

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Veröffentlicht: 21. August 2026